Neulich blieb ich an einem Bild hängen, wie man heute eben an Bildern hängen bleibt: nicht an einem Nagel, sondern mit dem Daumen. Es zeigte eine Küche aus den 90ern. Dunkle Holzfronten, florale Fliesen, ein Wasserkessel auf dem Herd, draußen offenbar Regen, drinnen dieses gelbliche Licht unter der Dunstabzugshaube. Kein Licht, das einen Raum erhellt. Eher eines, das ihn beruhigt.
Ich sah es und war sofort wieder klein. Oder zumindest jünger. In einer Küche, in der niemand von Wohnküche sprach, weil die Küche schlicht der Ort war, an dem die Dinge passierten. Dort wurden Brote geschmiert, Kakao gerührt, Rechnungen sortiert, Kinder abgefragt und gelegentlich Familienkrisen zwischen Brotkorb und Gewürzregal vertagt. Über allem hing die Dunstabzugshaube wie ein technischer Hausaltar.
Stimmung mit Schalter
Ihr Licht war keine Beleuchtung im heutigen Sinn. Es war eine Stimmung mit Schalter. Ein kleines, warmes Rechteck über dem Herd, zuverlässig wie die Tagesschau. Wenn es an war, hieß das: Jemand ist noch da. Vielleicht nicht im selben Raum, vielleicht schon im Schlafanzug, vielleicht nur kurz auf dem Weg zum Wasserkocher. Aber das Haus war nicht abgeschlossen gegen die Welt.
Heute besitzen wir Lichtkonzepte. Wir haben dimmbare Zonen, indirekte LED-Bänder, smarte Szenen namens „Dinner“, „Relax“ oder, besonders ehrgeizig, „Sunset“. Man kann seine Küche inzwischen so ausleuchten, dass sie aussieht wie eine Flughafenlounge kurz vor der Eröffnung. Alles ist perfekt. Nur fehlt manchmal dieses eine Licht, das nicht beeindrucken wollte.
Die 90er-Küche war dagegen selten kuratiert. Sie war eingerichtet, nicht inszeniert. Auf der Arbeitsplatte stand, was dort eben stand: ein Messerblock, ein Abtropfgestell, eine Teedose, deren Aufdruck bereits damals älter aussah als die Eltern. Die Fliesen hatten Blümchen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Die Schrankgriffe waren braun, messingfarben oder beides. Und irgendwo tickte eine Uhr, die kein Designobjekt war, sondern eine Uhr.
90er-Jahre-Nostalgie
Vielleicht wärmt uns dieses Bild heute deshalb so sehr, weil es nicht nach Optimierung aussieht. Niemand hatte die Küche „aufgeräumt für Content“. Kein Geschirrtuch lag absichtlich lässig auf der Ofentür. Der Wasserkessel war nicht Vintage, sondern einfach alt. Das Licht unter der Dunstabzugshaube war nicht retro, sondern praktisch. Es kostete kaum Strom, machte wenig her und genügte doch, um aus einem späten Abend einen geschützten Ort zu machen.
Man darf sich davon nicht täuschen lassen. Auch in den 90ern gab es kalten Kaffee, schlechte Laune, zähe Familienessen und Dunstabzugshauben, die mehr Lärm machten als sie Dunst abzogen. Nicht alles war besser, nur weil es gelblich leuchtete. Aber manches war weniger befragt. Man musste nicht ständig wissen, welche Atmosphäre gerade hergestellt werden sollte. Man machte das Licht an. Fertig.
Ich glaube, darin liegt die eigentliche Sehnsucht. Nicht nach der Einbauküche aus Eiche rustikal. Nicht nach Fliesenbordüren mit Sonnenblumen. Nicht einmal nach dem Wasserkessel, der pfeifend verkündete, dass wieder jemand vergessen hatte, ihn rechtzeitig vom Herd zu nehmen. Sondern nach einem Zustand, in dem Geborgenheit nicht geplant wurde. Sie passierte nebenbei, zwischen Herdplatte und Spülbecken.
Das kleine Licht unter der Haube war dafür ideal. Es war zu schwach für große Vorhaben und genau richtig für kleine Rückzüge. Für ein Glas Wasser nachts. Für ein Brot im Stehen. Für den letzten Blick in den Kühlschrank, obwohl man natürlich wusste, was drin war. Für Gespräche, die nur deshalb zustande kamen, weil keiner das große Licht einschaltete.
Weniger Szenario
Vielleicht sollten wir unsere Küchen also gar nicht weiter perfektionieren. Vielleicht brauchen wir weniger Szenensteuerung und mehr Nebenlicht. Weniger „Smart Home“, mehr „Ich bin gleich wieder da“. Ein Licht, das nicht fragt, ob es 2.700 oder 3.000 Kelvin haben soll, sondern einfach warm bleibt, während draußen der Regen gegen die Scheibe läuft.
Ich habe nach dem Bild jedenfalls meine eigene Dunstabzugshaube angeschaltet. Das Licht war etwas nüchterner als in meiner Erinnerung, moderner, beinahe pflichtbewusst. Aber für einen Moment tat es so, als könne es das noch: eine Küche in einen Ort verwandeln, an dem der Tag leiser wird. Und ich stand davor, erwachsen, müde, mit viel zu vielen Möglichkeiten im Leben, und dachte: Früher war nicht alles besser. Aber manches hatte den besseren Schalter.
