Zweimal im Jahr stehe ich vor meinem Küchenherd und zweifle am technischen Fortschritt. Es ist wieder Zeitumstellung. Während mein Smartphone, mein Computer und sogar die Uhr im Auto längst wissen, was die Stunde geschlagen hat, zeigt mein Backofen unbeirrt die falsche Zeit an. Er ist nicht kaputt. Er ist nur offenbar von Menschen konstruiert worden, die noch nie selbst eine Uhr stellen mussten. Eine Kolumne.
Dabei sollte man meinen, die Sache sei denkbar einfach. Eine Stunde vor oder zurück. Ein Knopf für die Stunden, einer für die Minuten, fertig. Aber nicht bei meinem Herd. Der besitzt eine Zeitanzeige, deren Bedienung offenbar zum schwierigsten Teil seines gesamten technischen Innenlebens gehört.
Es gibt eine Taste mit einer Uhr. Eine mit einem Glockensymbol. Eine mit einem Quadrat. Dazu Plus und Minus. Manchmal muss man zwei Tasten gleichzeitig drücken, manchmal eine davon besonders lange. Drückt man die falsche, landet man im Menü für die Garzeit, die Abschaltautomatik oder eine Funktion, deren Bedeutung selbst die Bedienungsanleitung nur ungern preisgibt.
Geheimnisvolle Anzeige blinkt
Heute wollte ich die Uhr eine Stunde zurückstellen. Nach fünf Minuten hatte ich versehentlich einen Kurzzeitwecker aktiviert, den Backofen auf automatischen Betrieb programmiert und eine geheimnisvolle Anzeige zum Blinken gebracht. Die Uhr zeigte noch immer die falsche Zeit.
Vermutlich sitzen in den Entwicklungsabteilungen der Hausgerätehersteller hoch qualifizierte Ingenieure, die in der Lage sind, die Wärmeverteilung eines Backofens auf den Millimeter genau zu berechnen. Sie konstruieren Teleskopauszüge, Pyrolyseprogramme und Sensoren, die erkennen, wann ein Braten gar ist. Aber sobald es darum geht, eine Uhr um eine Stunde zu verstellen, entwickeln sie ein Bedienkonzept, das auch zur Steuerung eines Kernkraftwerks taugen würde.
Wer denkt sich das aus?
Besonders schön ist die Vorstellung, wie diese Funktionen in einer Besprechung beschlossen werden. Einer schlägt vor, die Uhr über drei Menüs und vier Tastenkombinationen erreichbar zu machen. Ein anderer wendet ein, das sei vielleicht noch zu einfach. Schließlich einigt man sich darauf, dass der Benutzer zusätzlich eine Taste fünf Sekunden gedrückt halten muss, bis ein Symbol erscheint, das in der Anleitung als „Uhrzeit-Einstellmodus“ bezeichnet wird. Alle nicken zufrieden. Wieder ein Problem gelöst.
Dabei fällt mir auf, dass die Uhr am Küchenherd eigentlich die einzige Uhr im Haushalt ist, die ich nie freiwillig benutzen würde. Wenn ich wissen möchte, wie spät es ist, schaue ich aufs Handy oder an die Wand. Die Herdanzeige ist eher eine dekorative Erinnerung daran, dass ich etwas erledigen müsste.
Zweimal im Jahr? Inzwischen öfter
Das Tragische daran: Selbst wenn ich es nach einigem Herumprobieren geschafft habe, ist der Triumph nur von kurzer Dauer. Ein halbes Jahr später beginnt alles von vorn. Bis dahin habe ich selbstverständlich vergessen, welche Tastenkombination zum Erfolg führte. Ich könnte sie mir aufschreiben. Aber ich weigere mich aus Prinzip, für das Stellen einer Uhr eine schriftliche Anleitung anzufertigen.
Noch schlimmer wird es nach einem Stromausfall. Dann blinkt der Herd mit jener Mischung aus Hilflosigkeit und Vorwurf, die elektronische Geräte besonders gut beherrschen. Manche Modelle verweigern sogar den Backbetrieb, bis eine Uhrzeit eingegeben wurde. Es spielt dabei keine Rolle, ob diese stimmt. Hauptsache, man hat den vorgesehenen Bedienungsritus vollzogen. Ein Backofen, der erst wissen möchte, wie spät es ist, bevor er eine Tiefkühlpizza aufwärmt – auch das muss man sich erst einmal ausdenken.
Zwei einfache Tasten – ist das so schwer?
Dabei wäre die Lösung so einfach. Zwei kleine Tasten, beschriftet mit „Stunde“ und „Minute“. Oder noch besser: eine Uhr, die sich von selbst umstellt. Schließlich leben wir im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Kühlschränke können Einkaufslisten erstellen, Waschmaschinen lassen sich vom Smartphone aus starten, und Saugroboter finden selbstständig ihren Weg unter das Sofa. Nur mein Backofen scheint technisch noch in einer Epoche zu leben, in der man die Zeit mithilfe astronomischer Beobachtungen bestimmte.
Vielleicht sollten die Ingenieure ihre neuesten Geräte künftig nicht nur im Labor testen, sondern auch einmal bei ganz normalen Menschen zu Hause. Man stellt ihnen einen Herd hin, sagt „Machen Sie mal die Uhr eine Stunde zurück“ und beobachtet, was passiert. Wer nach drei Minuten die Bedienungsanleitung sucht, muss zurück ans Zeichenbrett.
Inzwischen habe ich für mich eine andere Lösung gefunden. Wenn die Zeitumstellung kommt, lasse ich die Uhr am Herd einfach in Ruhe. Im Winter geht sie eine Stunde vor, im Sommer stimmt sie wieder.
So habe ich wenigstens einmal im Jahr einen Backofen, der technisch auf dem neuesten Stand ist.
Ganz ohne Tastenkombination.
